zum Rücktritt von Sabine Maur

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An den Vorstand der Bundespsychotherapeutenkammer und den
Vorstand der Landespsychotherapeutenkammer Rheinland-Pfalz

Sehr geehrte Kolleg*innen,

als Psychologists / Psychotherapists for Future e.V. (Psy4F) verstehen wir uns als Teil der psychologischen Fachgemeinschaft, die sich mit ihrer Expertise für eine gerechte, demokratische und nachhaltige Zukunft einsetzt. Unser Selbstverständnis verpflichtet uns, aktiv gegen alle Formen der Diskriminierung vorzugehen und die psychische Gesundheit aller Menschen zu schützen.

Entsprechend haben wir mit großem Bedauern und Sorge den Rücktritt von Frau Sabine Maur als Präsidentin der LPK RLP und Vizepräsidentin der BPtK zur Kenntnis genommen. Wir schätzen Frau Maur als sehr erfahrene und auch in unserem Verein engagierte Kollegin, die sich über viele Jahre hinweg für eine patient*innenorientierte, inklusive und ethisch reflektierte psychotherapeutische Versorgung eingesetzt hat. Insbesondere ihr unermüdlicher Einsatz für vulnerable Gruppen sowie für die Verknüpfung von Gesundheit, Klimaschutz und gesellschaftlicher Verantwortung verdient große Anerkennung.

Wir betrachten diesen Schritt nicht als eine individuelle Entscheidung, sondern als das direkte Ergebnis
einer systematischen, transfeindlichen Kampagne, die fundamentale Prinzipien der Psychotherapie und
der öffentlichen Gesundheit untergräbt.

1. Klinische Ethik und das Wohl der Patient*innen
Frau Maur wurde aufgrund eines aus dem Kontext gerissenen Videoausschnitts angegriffen, der ihre fachliche Auseinandersetzung mit einem ethischen Dilemma zeigte: den Konflikt zwischen den evidenzbasierten Leitlinien der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF), die geschlechtsangleichende Maßnahmen für non-binäre Personen ausdrücklich empfehlen, und der diskriminierenden Begutachtungsanleitung des Medizinischen Dienstes (MDK). Dass Ausschnitte aus fachlichen Fortbildungsräumen ohne Kontext verbreitet und zugespitzt interpretiert werden, gefährdet den offenen, differenzierten Diskurs, der für unsere Profession unverzichtbar ist.

Besonders besorgniserregend ist aus unserer Sicht, wie sich hier gesellschaftliche Transfeindlichkeit niederschlägt – sie zeigt sich dabei in subtilen Dynamiken. So werden deutliche Merkmale einer moral panic sichtbar: Einzelne, aus dem Kontext gelöste Aussagen werden emotional aufgeladen, generalisiert und als Beleg für vermeintlich systematisches Fehlverhalten interpretiert. Dadurch verschiebt sich die Aufmerksamkeit von der inhaltlichen Auseinandersetzung hin zu einer moralischen Skandalisierung von Personen.
Eng damit verbunden sind Prozesse des Framing: Komplexe fachliche und ethische Abwägungen werden in vereinfachte Deutungsmuster überführt, die anschlussfähig sind an gesellschaftliche Narrative, in denen die Versorgung von Trans- und nicht-binären Menschen zunehmend problematisiert, delegitimiert und politisch angegriffen wird. Diese Rahmungen sind nicht neutral, sondern strukturieren gezielt, welche Aspekte sichtbar werden und welche ausgeblendet bleiben – insbesondere die Perspektiven und Bedarfe der betroffenen Patient*innen.

2. Psychologische Dimensionen der Kampagne
Die gegen Frau Maur gerichtete Kampagne, angeführt und organisiert durch Vereine wie
„Frauenheldinnen e.V.“, nutzt klassische Mechanismen der psychologischen Kriegsführung:

Entkontextualisierung: Ein komplexes ethisches Gespräch wird auf einen 60-Sekunden-Ausschnitt reduziert und als „Skandal“ gerahmt.

Doxxing und Einschüchterung: Die illegale Aufzeichnung und Verbreitung dient nicht der Aufklärung, sondern der gezielten Schädigung einer Person in Führungsverantwortung.

Instrumentalisierung von Angst: Durch die Verknüpfung mit rechtsextremen Narrativen wird versucht, legitime medizinische Versorgung als Bedrohung für die Gesellschaft darzustellen.

Dieses Vorgehen erzeugt nicht nur bei Frau Maur, sondern in der gesamten Fachgruppe ein Klima der Angst und des Misstrauens. Es sendet ein Signal der Bedrohung, so dass sich Fachkräfte nicht mehr sicher auf ihre Leitlinien und ihr ethisches Gewissen verlassen können, wenn sie sich für marginalisierte Gruppen einsetzen. Die Folgen dieser Dynamiken sind auch aus psychologischer Sicht gut beschrieben: Es entsteht ein chilling effect, bei dem Fachpersonen ihr Verhalten an antizipierte Sanktionen anpassen. Differenzierte, unsichere oder widersprüchliche Überlegungen werden dann nicht mehr offen geäußert, obwohl gerade sie für die Bearbeitung komplexer Versorgungsfragen notwendig sind. Dies untergräbt die demokratische Resilienz unseres Gesundheitswesens, wodurch nicht nur die Qualität professioneller Entscheidungsprozesse gefährdet wird, sondern letztlich auch die Versorgungssicherheit und das Vertrauen von Patient*innen – insbesondere von ohnehin marginalisierten Gruppen.

3. Die Rolle der Kammern: Schutz statt Schweigen
Als Kammern haben Sie die Aufgabe, nicht nur die Interessen der Berufsausübenden zu vertreten, sondern auch die Qualität der Versorgung und die Einhaltung ethischer Standards zu sichern.

Unsere Forderung – Wir fordern die BPtK und die LPK RLP auf:

  1. den Rücktritt von Frau Maur als Folge einer diffamierenden Kampagne anzuerkennen und ihr öffentlich die volle Unterstützung und Wertschätzung auszusprechen.
  2. sich in der Öffentlichkeit klar gegen die Transfeindlichkeit und die gezielte Destabilisierung von Fachkräften zu positionieren
  3. die Forderung nach einer Änderung der MDK-Begutachtungsanleitung zu schärfen und die Leitlinienkonformität der Versorgung für non-binäre Menschen als unverhandelbaren Standard zu etablieren.
  4. sich für verpflichtende Schulungen zur Sensibilisierung gegenüber queeren Menschen in der Justiz und bei Gutachtern einzusetzen, um zukünftige Fehlurteile und Diskriminierung zu verhindern.

Eine Psychotherapie, die sich für Menschenrechte und wissenschaftliche Evidenz einsetzt, darf nicht durch Hetzkampagnen zum Schweigen gebracht werden.

Wir erklären unsere Solidarität mit Sabine Maur und allen Kolleg*innen, die sich für eine inklusive und gerechte Gesundheitsversorgung einsetzen. Gleichzeitig appellieren wir an die Kammern, Verantwortung für die Bedingungen eines offenen, geschützten und respektvollen fachlichen Austauschs zu übernehmen.

Mit besten Grüßen und in Solidarität,

Psychologists / Psychotherapists for Future e.V