zu den aktuellen Kürzungen der Psychotherapeut*innenhonorare

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Am 11.03.2026 beschloss der Bewertungsausschuss auf Betreiben des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenkassen (GKV-SV) die Abwertung der Vergütung der ambulanten Psychotherapie um 4,5 Prozent. Wir stehen solidarisch an der Seite unserer psychotherapeutisch arbeitenden Kolleg*innen und lehnen diese Entscheidung ab. Diese Kürzung steht in unseren Augen symptomatisch für eine politische Entwicklung, in der eine Entsolidarisierung angesichts einer komplexen, miteinander verwobenen und sich bedrohlich ausweitenden Polykrise vorangetrieben wird. Angesichts dessen fordern wir:


Als Polykrise bezeichnen immer mehr Wissenschaftler*innen die aktuelle Lage der Menschheit. Gemeint ist damit die Interaktion verschiedener, bereits an sich gefährlicher Krisen: Klimakrise, kriegerische Konflikte, Gesundheitskrise, Energiekrise, wirtschaftliche Instabilität, steigende Ungleichheit und ein (Wieder-) Erstarken autoritärer bis rechter politischer Ausrichtungen. Dies führt zu massiven systemischen Schäden durch die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen. Die Folge ist eine Verschlechterung der Lebenssituation der Menschen auch im Hinblick auf die somatische und psychische Gesundheit. Hiervon sind ohnehin marginalisierte Personengruppen am stärksten betroffen. Wir sehen Gesellschaften, in denen sich widersprechende Zielkonflikte – etwa der zwischen Selbstbestimmung/-verwirklichung und notwendiger Begrenzung – immer unvereinbarer wirken. Jahrzehntelang mühsam verdeckte Brüche werden immer sichtbarer und folgenschwerer. Es herrscht ein Klima der zunehmenden Anspannung und Überforderung.

Auf diese einzigartige Situation wird von Entscheider*innen in Politik und Wirtschaft nach wie vor mit einem „Mehr desselben“ geantwortet. Das aber heißt: Dieselben Entscheidungen, die uns langfristig überhaupt erst in die Polykrise geführt haben, werden unbeirrt fortgesetzt. Teilweise werden sie sogar intensiviert. Die gigantische Umverteilung von unten nach oben, welche durch Ausbeutung unserer Lebensgrundlagen sowie unserer Arbeitskräfte gewährleistet wird, setzt vor allem bei den Menschengruppen an, die per se weniger Lobby haben. An dieser Stelle trifft es nun ambulant tätige Psychotherapeut*innen, die innerhalb der Ärzteschaft ohnehin die finanziell am schlechtesten gestellte Gruppe darstellt. Dies steht u.a. im Zusammenhang mit einem hohen Anteil weiblicher Therapeut*innen. „Weiblich“ meint hier auch Care-Arbeit im weitesten Sinn, worunter ebenfalls Berufe wie Hebamme, Erzieher*in, Pfleger*in etc. fallen. Die Care-Arbeit wird in unserem kapitalistischen Gesellschaftssystem systematisch abgewertet – auch monetär. Ihre außerordentliche Systemrelevanz wird damit unsichtbar gemacht und letztlich wird sie als verzichtbar eingestuft. Ausgeblendet wird dadurch aber auch psychische Gesundheit als eine notwendige, präventiv wirksame Basis für eine gesunde, leistungsfähige und resiliente Gesellschaft.

Wir Psychologists / Psychotherapists for Future e.V. engagieren uns für eine nachhaltige und, entsprechend § 1 unseres Grundgesetzes, menschenwürdige Gestaltung der herausfordernden sozial-ökologischen Polykrise. Hierzu gehört auch der Schutz der psychischen Gesundheit. Berufsgruppen, die sich für deren Erhalt einsetzen, müssen auf- und nicht abgewertet werden.

Wir schließen uns der Forderung der Kammern, Berufsverbänden, KBV und Zivilgesellschaft an:
Der Honorarkürzungsbeschluss muss revidiert werden.
Überdies fordern wir eine grundlegend solidarische und gemeinschaftliche Gestaltung der Gesellschaft
vor dem Hintergrund von Werten wie Fürsorge, Verbundenheit, Kooperation und Mitgefühl.

Psychologists / Psychotherapists for Future e.V


Quellenangaben


Meldung über die Honorarkürzung bei Psychotherapeut*innen:

https://www.aerzteblatt.de/news/honorarkurzung-fur-psychotherapeuten-beschlossen-6abedcce-557a- 4223-9b83-e1ca9b30786d

https://www.kbv.de/presse/pressemitteilungen/2026/paukenschlag-kbv-klagt-gegen-massive- kuerzungen-psychotherapeutischer-leistungen

Anstieg psychischer Erkrankungen:

https://www.aerzteblatt.de/news/deutlicher-anstieg-psychischer-erkrankungen-db8d05cb-3804-40b2- 8b7c-a24bd5c00ec8

https://www.dak.de/presse/bundesthemen/gesundheitsreport/starker-anstieg-bei-psychischen- erkrankungen-im-ersten-halbjahr-2024-_76674

Umverteilung von unten nach oben:

https://www.boeckler.de/de/auf-einen-blick-17945-20845.htm

https://www.diw.de/de/diw_01.c.824086.de/publikationen/wochenberichte/2021_35_3/ unser_rentensystem__eine_umverteilung_von_unten_nach_oben__kommentar.html

https://www.bpb.de/kurz-knapp/zahlen-und-fakten/soziale-situation-in-deutschland/61749/vermoegen-und-einkommen/ https://www.dw.com/de/wie-weit-die-soziale-schere-wirklich-auseinanderklafft/a-62684160

Niedrigste Bezahlung von Psychotherapeutinnen von allen Ärztegruppen:

https://www.zi.de/fileadmin/Downloads/Themen/Praxis-Befragungen/Veroeffentlichungen/Jahresberichte/ZiPP_Jahresbericht_2023.pdf

Anteil weiblicher Psychotherapeutinnen:

https://www.aerzteblatt.de/archiv/gender-und-psychotherapie-blinde-spots-sichtbar-machen-eb2bcaf0-e693-444a-a12a-5aab36136ce9

Gender Pay Gap:

https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2024/01/PD24_027_621.html

Sinken der Bezahlung, wenn mehr Frauen in Berufe gehen:

https://www.sueddeutsche.de/karriere/gleichberechtigung-im-job-maennerjobs-frauenjobs-was-die-lohnluecke-aufreisst-1.2958500

https://www.momentum-institut.at/news/equal-pay-day-2024-berufswahl-spielt-untergeordnete-rolle-bei-lohnluecke/